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Chronisch in behandlung

DER SPIEGEL 45/2008 vom 03.11.2008, Seite 138 Autoren: Michael Fröhlingsdorf und Udo Ludwig PFERDESPORT Chronisch in Behandlung Die deutschen Reiter fürchten wegen ihrer Dopingfälle einen ähnlichen Absturz wie die Radprofis. Dabei ist die Krise hausgemacht. Viel zu lange hat der Verband das Treiben in den Ställen geduldet und die Taten der Athleten kleingeredet. Jetzt verlangen die Geldgeber drastische Reformen. Paul Schockemöhle weiß, wie man Krisen bewältigt. Zum Höhepunkt des Reitturniers von Hannover sorgte der Veranstalter für feierliche Stimmung. Eigens hatte er Cento, das frühere Paradepferd des Olympiasiegers Otto Becker, 49, in die Messehalle karren lassen. Und als Becker auf das betagte Ross stieg und eine Ehrenrunde drehte, erhoben sich die 6500 Zuschauer gerührt von ihren Plätzen. Zuvor hatte sich Becker mit seinem aktuellen Springpferd Lunatic durch einen fehlerfreien Ritt den Großen Preis von Hannover gesichert. Nun wischte er Tränen aus dem Gesicht, rang um Worte. Mit diesem Sieg, brachte er schließlich heraus, beende er seine Karriere. Wieder tosender Beifall, Tränen, Begeisterung - das Spektakel am vorvergangenen Wochenende war ganz nach dem Geschmack von Schockemöhle. Insgesamt 41 000 Zuschauer sahen an vier Tagen den Spitzenreitern zu - ein neuer Rekord. Ministerpräsident Christian Wulff, Chef des Pferdelandes Niedersachsen, jubelte in der VIP-Lounge mit. Und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, eine begeisterte Reiterin, schenkte Sportlern und Fans ihr Lächeln. Reiten sei eine Kunst, die man hochhalten müsse, sagte sie. Die Inszenierung war so kitschig-schön, dass kaum jemand bemerkte, was sich in den Tagen von Hannover hinter den Kulissen abspielte. So heftig wie selten zuvor stritt die deutsche Reiterelite in den Katakomben und auf den Abreiteplätzen. Es ging um ein Thema, das die Branche jahrelang virtuos kleingehalten hatte, doch nun eine breitere Öffentlichkeit erreichte: die illegale Manipulationen von Reitpferden. Im Zentrum der Debatte stehen der Reiter Christian Ahlmann und die Frage, ob er die Beine seines Pferdes Cöster mit einer Salbe empfindlicher gemacht hat, damit das Tier höher springt - praktisch ein chemisches Barren. Bei den Olympischen Spielen in China war Ahlmanns Pferd positiv auf die verbotene Substanz Capsaicin getestet worden. Ahlmann beteuerte, er habe nur den Rücken seines Pferdes mit einem harmlosen Pflegemittel namens Equi-Block eingerieben. Neu ist das nicht, was dem Reitprofi Ahlmann vorgeworfen wird. Neu ist nur, dass ein deutscher Reiter noch während Olympia als Dopingsünder an den Pranger gestellt wurde. Da fällt es ungleich schwerer, zu verharmlosen; da wollen Publikum, Geschäftspartner und Regelhüter Antworten hören - und Konsequenzen sehen. Und deshalb könnte die Affäre Ahlmann für die deutsche Reiterwelt eine ähnliche Wirkung entfalten wie vor zwei Jahren die Enttarnung des Radfahrers Jan Ullrich als Dopingsünder. Damals wurde öffentlich, dass Profis systematisch mit illegalen Methoden schnell gemacht wurden. Jetzt geht es darum, wie die Kreatur Pferd für Medaillen und Geld ausgenutzt wird. Denn dass die Reiter ihre Pferde mit vielerlei unerlaubten Hilfsmitteln präparieren, damit diese am Wettkampftag Höchstleistung bringen, steht mittlerweile außer Frage. Die Allianz der Vertuscher und Verschweiger bröckelt, und immer mehr Pfleger und Fachleute berichten nun davon, wie verbreitet diese Methoden sind. "Tierschutz", sagt Eberhard Schüle, Zweiter Vorsitzender der Gesellschaft für Pferdemedizin, "interessiert in diesem Metier nur eine kleine Minderheit." Deutlich wird jetzt auch, wie wenig die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) diese Entwicklung trotz vollmundiger Erklärungen aufgehalten hat. Niemand hatte Kontrollen in seinen Ställen zu befürchten, Dopingvergehen wurden als harmlose Behandlungsfälle bezeichnet, kein Fall bei Staatsanwaltschaften angezeigt. Und selbst in den Stallungen des Bundestrainers durften umstrittene Veterinäre Hand anlegen. Im Rausch immer neuer Rekordzahlen im Turniergeschäft wie im Pferdehandel, befeuert durch zahlungskräftige Abnehmer aus Arabien und Russland, hat sich der Reitsport zum Big Business gewandelt. Das Pferd wird nicht mehr als Sportkamerad gesehen, sondern als Sportgerät - kaum anders als das Auto in der Formel 1. Doch nach den Vorfällen von Hongkong, als bei Olympia gleich sechs Pferde positiv getestet wurden, droht nun der Szene ein herber Rückfall. In Telefonkonferenzen gaben ARD und ZDF eindeutige Signale, das Springreiten aus dem Programm zu streichen, wenn der Verband nicht endlich hart durchgreife. Ohne die stundenlangen Übertragungen aber würden die Deutschen ihre Spitzenstellung in der Welt schnell verlieren. Aus Angst, ihre Sponsoren könnten abspringen, forderten auch führende Turnierveranstalter in der vergangenen Woche härtere Strafen. Zudem machten die mächtigen Zuchtverbände Druck auf die FN-Spitze, weil sie um den guten Ruf des Pferdelandes Deutschland fürchten. Ihnen drohen Verluste in Millionenhöhe. Wohl vor allem deshalb reagierte die FN im Fall Ahlmann ungewohnt feinnervig. Sie findet das Urteil des internationalen Verbandes zu mild und will es anfechten. Der Verband verlangt, dass der Reiter seine Behauptung zurücknimmt, das berüchtigte Chili-Präparat sei von der Equipe-Leitung quasi genehmigt worden. "An dem Athleten soll ein Exempel statuiert werden", klagt deshalb Ahlmanns Schweizer Anwalt Ulf Walz. Auch viele Reiter sehen sich nur als potentielle Bauernopfer. Der viermalige Olympiasieger Ludger Beerbaum drohte hinter verschlossenen Türen, er müsse sich überlegen, ob er unter diesen Umständen weiter in und für Deutschland reiten wolle. Manche Spitzenkräfte tun sich mit der Zeitenwende erkennbar schwer. Schließlich waren sie seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass der Verband und seine Sportler Probleme gemeinsam lösten. Etwa als beim Weltcup-Finale der Dressurreiter 2003 das Pferd der Olympiasiegerin Ulla Salzgeber mit Testosteron im Körper erwischt wurde. Ursache dafür, so behauptet die Reiterin, sei eine Behandlung der Haut gewesen. In Fachkreisen ist das sehr strittig. Die FN beließ es dennoch bei zwei Monaten Sperre - womit Salzgeber an den Olympischen Spielen 2004 in Athen teilnehmen konnte. Auch Bettina Hoy erfuhr Gnade durch die FN. Bei den Spielen in Athen wurde die Vielseitigkeitsreiterin zur tragischen Heldin, weil sie nach einer unglücklichen Auslösung der Zeitnahme bestraft worden war. Weniger bekannt wurde allerdings, dass ihr Pferd für den Wettkampf mit dem Medikament Benadryl behandelt worden war. Die Entschuldigung: Ein Mediziner des Weltreiter-Verbands FEI habe die Behandlung erlaubt. Die Funktionäre glaubten das, obwohl das Anti-Allergikum nicht mehr zugelassen war und der betroffene Arzt nie ermittelt werden konnte. "Es gab so viele Ärzte dort", erklärt FN-Generalsekretär Hanfried Haring. Und der deutsche Mannschaftsarzt hatte den Namen des FEI-Gesandten nicht notiert. Sanktionen für die Reiterin? Keine. Einen besonders guten Schutz genoss Meredith Michaels-Beerbaum. Beim Weltcup-Finale 2004 fand man das verbotene Acepromazin bei ihrem Pferd Shutterfly. Sperre? Keine, es gab angebliche Formfehler bei der Bearbeitung des Falls. Und auch danach blieb unter dem Radarschirm der öffentlichen Wahrnehmung, dass Shutterfly offenbar chronisch krank ist. Bei der Europameisterschaft 2007 in Mannheim ging das Pferd mit Kortison im Körper an den Start. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Regeln gewesen. Die FN zeigte jedoch eine Knieverletzung an, die einige Tage vor dem Wettkampf mit Kortison behandelt worden sei. Insider berichten, der Verband habe das Datum des Befundes falsch angegeben, um die Kortison-Gabe zu legalisieren und einen Start der späteren Europameisterin zu gewährleisten. Die FN dementiert das. Michaels-Beerbaum behauptet, die Verletzung sei ordnungsgemäß angemeldet worden. Traditionell freundlich ist der Umgang der Funktionäre und Regelwächter mit Ludger Beerbaum, Deutschlands Vorzeigereiter. Bei den Olympischen Spielen in Athen wurde sein Pferd Goldfever mit Betamethason erwischt. Die Goldmedaille musste er abgeben, aber die FN zeigte sich großzügig. Die Sperre für den Einsatz des Entzündungshemmers: ein Monat. Beerbaum durfte sich sogar noch aussuchen, wann er die Strafe antreten wollte. Auch machte sich niemand die Mühe, Beerbaums falsche Behauptung zurechtzurücken, er hätte seine Medaille behalten dürfen, wenn er es nicht für unnötig gehalten hätte, das Medikament vorher anzugeben. Dass solche Manipulationen bislang als Kavaliersdelikte betrachtet wurden, liegt auch am komplizierten Regelwerk. Anders als im Humansport, in dem es exakt festgelegte Substanzen und Wirkstoffe gibt, die unter das Dopingverbot fallen, ist im Reitsport jedes Medikament verboten. Es gilt, schon aus Gründen des Tierschutzes, die sogenannte Nulllösung: Kranke Pferde sollen nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Weil aber nicht jedes Präparat in betrügerischer Absicht gegeben wird, unterscheidet das Reglement zwischen Doping und "verbotener Medikation". Hätte Ahlmann etwa die Chili-Salbe auf die Pferdebeine geschmiert, um sie empfindlicher zu machen, wäre das Doping gewesen. Hat er die gleiche Salbe tatsächlich, wie er behauptet, auf den Pferderücken aufgetragen, wirkt sie nicht direkt leistungssteigernd - und ist folglich nur eine harmlosere, "verbotene Medikation". Diese Differenzierung hat absurde Folgen: Wer sein Pferd im Wettkampf mit einem Beruhigungsmittel versorgt, wird härter bestraft als jemand, der ein lahmes Pferd gesundspritzt, damit es an einem Turnier überhaupt teilnehmen kann. Zudem fallen die Strafen im Vergleich zum Humansport sehr gering aus. "Offenbar gibt es unter Reitern nur ahnungslose Opfer und keine böswilligen Täter", lästert angesichts der vielen Bagatellstrafen der Gießener Sportrechtler Jens Adolphsen. Der Professor, der früher selbst bei der FN gearbeitet hat und heute bei der FEI über Dopingfälle urteilt, fordert eine komplette Überarbeitung des Regelwerks. "Psychopharmaka oder auch Capsaicin haben im Körper eines Pferdes nichts zu suchen. Wer es dennoch einsetzt, hat im Reitsport nichts verloren." Doch die Kontrollen sind lasch, und im Training werden den Pferden überhaupt keine Dopingproben abgenommen. Niemand erfährt, was mit den Tieren in den Ställen der Profis passiert. Nur zum Wettkampf müssen die Vierbeiner sauber sein. Damit dort nichts schiefgeht, hat die FN ein System eingeführt, das an das Dopingsystem der DDR erinnert. Seit 2005 testet der Verband die Tiere vor großen Turnieren selbst. So geschah es auch vor den Olympischen Spielen. Gleich drei Springpferde fielen beim Vorab-Check auf, weil sie noch kurz zuvor behandelt worden waren. Nicht überraschend war darunter Michaels-Beerbaums Shutterfly. Doch nach den internen Berechnungen waren die Funktionäre sicher, dass bis zum Turnierstart die Stoffe weit genug abgebaut sein würden - und sie nicht mehr auffielen. Kein Wunder also, dass die Verbandsspitze angesichts ihrer Vorsichtsmaßnahme von dem positiven Testergebnis bei Ahlmanns Pferd kalt erwischt wurde. "Wir haben nach den Dopingfunden 2004 doch alles getan, damit sich so etwas nicht wiederholt", versichert treuherzig Reinhard Wendt, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei. Und FN-Chef Haring gesteht, er habe spontan an Rücktritt gedacht, aber das hätte ja "ein bisschen komisch ausgesehen" - wo er Ende des Jahres in Ruhestand gehe. Nun aber, machen sich beide Mut, werde erst recht gegen die Schummelei auf dem Turnierplatz gekämpft. In einem ersten Schritt sollen jetzt die Regeln des Verbands "wirkungsvoller" durchgesetzt werden, etwa mit mehr Kontrollen. Dort stimmen die Relationen nicht. Fast 150 Pferde wurden im vergangenen Jahr bei den Vorkontrollen getestet, damit sie bei Wettkampftests nicht auffallen. Nur 1436 Vierbeiner wurden dagegen bei Wettkämpfen kontrolliert - bei fast 3300 Turnieren und 1,4 Millionen Starts in Deutschland. Zusätzliche Tests? Das dürfte bei vielen Turnieren schon technisch nicht gehen. Gerade hat die FN die Vorschriften so geändert, dass es den Veranstaltern überlassen bleibt, für einen Tierarzt zu sorgen. Doch ohne Mediziner gibt es keine Kontrollen. Immerhin flogen im vergangenen Jahr 16 Reiter auf. Hochgerechnet auf die Starts bedeutet diese Zahl: Es gab 16 000 manipulierte Pferde bei deutschen Turnieren. Doch selbst wer überführt wird, hat strafrechtliche Konsequenzen nicht zu fürchten. Wer Pferden nicht zugelassene Mittelchen verpasst, verstößt zwar gegen den Tierschutz, doch noch nie hat der Verband solche Tierschinder angezeigt. "Die Staatsanwälte interessiert das ohnehin nicht", glaubt Haring. Die FN beruhigt ihr Gewissen, indem sie einmal im Jahr einen Dopingbericht an das nordrhein-westfälische Landwirtschaftministerium schickt. Dort wird er sauber abgeheftet. Wie der Alltag in deutschen Ställen in Wahrheit wohl aussieht, konnten die ahnungslosen Funktionäre jetzt im Fachmagazin "Reiter Revue" lesen. Dort packen zwei erfahrene Pfleger über illegale Methoden in hiesigen Reitställen aus. Beliebt sei es etwa, Pferden Elektrogamaschen anzulegen. Den Tiere könnten per Fernbedienung Stromschläge verpasst werden. Andere Reiter würden Elektrosporen einsetzen, und auch das altbekannte Barren sei nicht aus der Mode. Die geschilderten Vorgänge würden "das Vorstellungsvermögen echter Pferdeleute sprengen", kommentiert die FN die Aussagen. Nicht entgangen ist der FN indes, dass auf größeren Turnieren regelmäßig "fliegende Holländer" genannte Händler auftauchen, die allerlei Pharmaka im Gepäck haben. "Was können wir schon dagegen tun?", fragt FN-Generalsekretär Haring, "wir können nicht Polizei spielen." Diese Ignoranz ärgert den Dortmunder Pferdesachverständigen Eberhard Schüle. 14 Jahre lang ist er als Arzt mit der deutschen Equipe zu internationalen Turnieren gefahren. Heute sieht er den Reitsport in einem grundsätzlichen Dilemma. Die teuren Pferde müssten als "Betriebskapital" immer häufiger eingesetzt werden. Mit lukrativen Turnierserien haben Veranstalter in den vergangenen Jahren die Vielstarterei zusätzlich angeheizt. Dazu aber müssten die Pferde jederzeit einsetzbar sein. Vor allem deshalb würden schmerzstillende Mittel gegen orthopädische Schäden und Psychopharmaka gegen Stress und Konzentrationsschwäche eingesetzt. Der Experte kennt die Methoden. Ahlmanns Equi-Block etwa sei ein Klassiker. Das Mittel werde vor dem Aufwärmen auf die Beine des Tiers geschmiert. Dann lenke der Reiter das Pferd auf dem Abreitplatz absichtlich vor ein Hindernis. "Das ist für einen Profi kein Problem, und das Pferd merkt sich den Schmerz bis zum Turnierritt", sagt Schüle. Dort springe das Tier dann höher. Großer Beliebtheit in der Szene würden sich auch die Glukokortikoide erfreuen, berichtet Schüle, Schmerzmittel, die noch wirkten, wenn sie nicht mehr nachweisbar seien. Eine mögliche Nebenwirkung dieser Behandlung sind Magengeschwüre, an denen viele Tiere leiden. Handlanger der Reiter sind die "Zauberärzte". So werden in der Branche Schüles Kollegen genannt, die weite Strecken von Profistall zu Profistall reisen, um die Leistung der Pferde mit ihren Mittelchen zu steigern, ohne Spuren zu hinterlassen. Die besondere Kunst sei es, sagt Schüle, "einen Cocktail aus vielen schmerzstillenden Wirkstoffen zu mischen, die alle unter der Nachweisgrenze bleiben und sich doch gegenseitig verstärken". Bekannt in der Branche ist etwa der Schweizer Mediziner Hans Stihl, der in mehrere Medikationsfälle verwickelt war. Der Arzt hat offenbar auch den weiten Weg nach Münster nicht gescheut, zum Reitstall des Bundestrainers Kurt Gravemeier. Nicht schön für die FN, dass zwei prominente Pharmafälle von 2006 ausgerechnet im Stall ihres obersten Trainers stehen. Das Pferd des deutschen Spitzenreiters Toni Hassmann hatte beim Weltcup-Turnier in Bordeaux Reste der Entzündungshemmer Betamethason und Methylprednisolon im Körper. Und das Pferd des Nachwuchstalents Pia-Luise Aufrecht wies beim Turnier in Affalterbach unnatürlich hohe Testosteronwerte auf. FEI-Sperre für den Einsatz des Kraftmachers: sechs Monate. Suspekt ist auch die Rolle des Bochumer Tierarztes Peter Cronau, der bei vielen Championaten für die FN im Einsatz war. "Was da gelaufen ist, ist eine Schande", kommentierte der Pferdeklinikleiter den Fall Ahlmann im August, "ich finde das verwerflich." Doch dann engagierte Ahlmann den Mediziner als Gutachter. Und in seiner Expertise schrieb der wendige Doktor dann: "Capsaicin ist ein rein pflanzlicher Wirkstoff und als solcher jedenfalls kein Medikament im herkömmlichen Sinn." Er wisse auch nicht, "was sich mein Freund Peter dabei gedacht hat", sagt Funktionär Haring. Doch wen wundert so ein Sinneswandel? Es gibt im deutschen Sport keinen Verband, in dem die Funktionäre, Sponsoren, Veranstalter und Spitzenathleten so eng miteinander verflochten sind. Ahlmanns Pferd Cöster etwa gehört der ehemaligen Traberin Marion Jauß, deren Schwester Madeleine Winter-Schulze besitzt Pferde von Beerbaum und der Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth. Zugleich ist Winter-Schulze im Präsidium der FN für den Bereich Spitzensport zuständig. Präsident dort ist Breido Graf zu Rantzau, ein ehemaliger Springreiter, der sich aber auch als Züchter und Turnierveranstalter einen Namen gemacht hat. Verheiratet ist der Pferdefunktionär mit der Schwester des ehemaligen Top-Reiters Hendrik Snoek. Snoek wiederum ist Mäzen und Züchter, zugleich Chef des Bundestrainers Gravemeier. Denn der leitet Snoeks Gestüt Gut Berl. Dort beschäftigt Gravemeier den Kaderreiter Hassmann. Auf dem Hof bei Münster trainiert auch Pia-Luise Aufrecht, Tochter von Hans Werner Aufrecht, dem Chef der Deutschen Tourenwagen Masters und einem der wichtigsten Sponsoren im deutschen Reitsport. Aufrecht war einer der Geldgeber für die Riders Tour von Paul Schockemöhle, zu der auch das Turnier in Hannover gehört. Sie alle haben von einem bisher stets wachsenden Markt profitiert. Rund 2,6 Milliarden Euro geben Reiter, Fahrer, Voltigierer und Züchter laut Verband jährlich aus. Gut 300 000 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt mit Pferden und dem Pferdesport. Das Geschäft läuft vor allem deshalb so gut, weil deutsche Pferde ein Exportschlager sind. Deutschland hat die mit Abstand erfolgreichste Sportpferdezucht der Welt. Und je erfolgreicher die Pferde im Sport gehen, desto höher sind die Preise. Jetzt allerdings spüren die Züchter die Auswirkungen der Dopingdiskussion. "Die Kauflust ist gesunken. Hobby-Reiter überlegen sich, ob das noch der richtige Sport ist", klagt etwa Günther Friemel, Auktionsleiter beim Hannoveraner Zuchtverband. Es gebe wie im Radsport einen Stimmungswechsel. Er könne nur hoffen, sagt Friemel, "dass Dopingsünder nun endlich einmal hart bestraft werden". MICHAEL FRÖHLINGSDORF, UDO LUDWIG DER SPIEGEL 45/2008 Alle Rechte vorbehalten

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